Der digitale Ruck

Laut einer aktuellen Pressemeldung von KPMG setzen deutsche Investoren vermehrt auf Investitionen in IT-, Software- und Telekommunikation, Maschinenbau und Pharma. Was zunächst nach einer ganz unspektakulären Meldung klingt, wird bei genauerem Lesen zu einer Überraschung – es handelt sich um Investitionen in den indischen Markt. Laut KPMG schätzen die deutschen Investoren vor allem die hervorragenden Ingenieur- und IT-Kompetenzen in Indien. Auch wenn es sich nur um einen vergleichsweise niedrigen Betrag von 38 Mio. USD handelt, lässt die Steigerungsrate in Höhe von 70% gegenüber dem Vorjahr aufhorchen. In einer Zeit, in der es in Deutschland an Beteiligungskapital für die Wachstumsphase junger Hightech-Unternehmen fehlt, investieren deutsche Investoren immer mehr in Indien. Macht das Sinn?

Bei einer Veranstaltung des Wirtschaftsrates der CDU letzte Woche in Berlin wurde die Forderung laut, dass durch Deutschland ein „Digitaler Ruck“ gehen müsse. In der Politik wie auch in den Chefetagen der Unternehmen müsse das Thema Digitalisierung ganz oben auf die Tagesordnung. Wie man mittlerweile weiß, betrifft die Digitalisierung nahezu alle Bereiche der Wirtschaft, ist also bei weitem nicht auf die IT-Branche beschränkt. Viele Bereiche des täglichen Lebens werden von digitalen Prozessinnovationen bestimmt. Wer beispielsweise einmal aufmerksam die Werbepausen im Fernsehen studiert wird erkennen, dass eine Vielzahl der beworbenen Produkte und Dienstleistungen einen hohen Digitalisierungsanteil aufweisen. Ob Pizza, Schuhe, Medikamente, Hotels – alles wird auf digitalen Plattformen ausgewählt und bestellt. „Plattformen sind die Machtzentren des Internet“, weiß nicht nur der Autor des empfehlenswerten Buches „Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“, Christoph Keese.

Damit Deutschland wirklich, wie von der Bundesregierung mit ihrer „Digitalen Agenda“ angestrebt, zum digitalen Wachstumsland Nummer 1 in Europa wird, muss beim Thema Plattformen und weit darüber hinaus noch einiges passieren. Denn während Länder wie die USA immer neue globale Plattformen mit Milliardenbeträgen finanzieren und so volkswirtschaftliche Pflöcke in den digitalen Markt einrammen, steht für deutsche Hightech-Startups allenfalls Wachstumskapital von ausländischen Fonds zur Verfügung, kaum aber Kapital aus deutschen Quellen. So verpufft nahezu jeder volkswirtschaftlicher Nutzen – denn damit wandern Gesellschaftsanteile ins Ausland, ebenso wie die Patentrechte, und der spätere Börsengang findet ebenfalls im Ausland statt. Was bleibt dann von den teuren Vorinvestitionen in staatlich geförderte Forschung sowie Startup-Finanzierung durch Steuergelder in Form von Exist und dem High-Tech Gründerfonds?

Wenn es die Bundesregierung nicht schafft, mehr Investoren für Investitionen in Deutschland zu gewinnen statt sie nach Indien und in andere Länder abwandern zu lassen, wird die Digitale Agenda weitgehend verpuffen und der Digitale Ruck vollkommen ausbleiben. Welche Rahmenbedingungen dafür erforderlich sind, ist allgemein bekannt, wird aber nicht entschieden angegangen. Das zögerliche Verhalten der Verantwortlichen führte sogar dazu, dass ein Verband die Verantwortung übernahm und den Entwurf eines Venture-Capital-Gesetzes am eigenen Schreibtisch erstellte. Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir verloren, wie kürzlich Timotheus Höttges, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, sagte. Es stellt sich die Frage ob es reicht, einige Spieler auszuwechseln, oder ob gleich der Trainer gehen sollte. Wir sind längst in einer ganz entscheidenden Phase des Spiels, aber unser Team wird sein Phlegma nicht los.

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