Der unbemerkte Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie ins Ausland

BildKürzlich wurde ich gefragt, ob es in Deutschland zu wenig gute Ideen oder zu wenig Venture Capital gäbe. Meine Antwort war: eindeutig zu wenig Venture Capital. Vor allem Venture Capital aus Deutschland. Die vielen zehntausend innovativen deutschen Hightech-Unternehmen auf www.spotfolio.com sprechen eine klare Sprache – an Ideen mangelt es in Deutschland sicher nicht!

Venture Capital hat die Aufgabe, gute und potenziell wachstumsstarke Ideen in der Anfangsphase der wirtschaftlichen Umsetzung zu finanzieren und erfolgreich im Markt zu etablieren. Es lohnt sich, einmal einen vereinfachten Blick auf den Wertschöpfungsprozess der Venture-Capital-Industrie zu werfen (s. Graphik): am Anfang steht das Fundraising, also das Einsammeln von Kapital für Venture-Capital-Investments. Der zweite Schritt sind die konkreten Investments in wachstumsstarke Ideen und Teams. Dann folgt die Haltephase, in der die Unternehmenswerte potenziell deutlich ansteigen. Und der letzte Schritt ist der Exit, bei dem sich der Fonds von seinen Unternehmensbeteiligungen wieder trennt. Hier wird die Rendite erzielt, denn der Verkaufspreis liegt deutlich über dem Einkaufspreis. Nun startet das Fonds-Team einen neuen Fonds, und wieder steht das Fundraising auf der Agenda. Da man nun auf einen erfolgreich gelaufenen Fonds verweisen kann, verläuft das Fundraising wesentlich leichter und schneller als beim ersten Mal. Natürlich ist das eine vereinfachte, idealtypische Darstellung. In der Realität überlappen die Phasen z.B. sehr stark, was hier nicht dargestellt ist. Aber ich denke, so wird das Grundprinzip dieses Wertschöpfungsprozesses recht klar.

Schauen wir uns den Exit an, denn hier liegt in Deutschland aktuell das Problem. Gelingt es Fonds nicht oder nicht im erfolgreichen Maße, sich rechtzeitig von ihren Beteiligungen wieder zu trennen, passiert Folgendes:

Die Fonds müssen sich länger als geplant und als budgetiert um ihre Beteiligungen kümmern, was zusätzliche Zeit und vor allem zusätzliches Geld kostet. Dieses Geld steht nun nicht mehr für neue Investments und auch nicht mehr für weitere Investments in bestehende Beteiligungen zur Verfügung – das Risiko von Ausfällen steigt. Dann wird die Fondslaufzeit verlängert – schlechte Argumente für den Versuch, einen Folgefonds aufzulegen. Um die Kosten zu senken wird ggf. der eine oder andere Investment Manager entlassen. Die Investoren des laufenden Fonds werden unruhig und verlangen nach genauen Auskünften über die zu erwartende Rendite. Der gesamte Wertschöpfungsprozess des Fonds kommt zum Erliegen. Um den Druck etwas zu mindern verkauft der Fonds die besten Beteiligungen unter Wert an andere Fonds, die noch über Geld verfügen. Am Ende steht mit viel Glück noch eine Mini-Rendite.

Wird das strukturelle Exitproblem in Deutschland nicht gelöst wird auf diese Weise ein Fonds nach dem anderen aufgeben müssen, und das Thema Venture Capital wird in Deutschland aufgrund der schlechten Erfahrungen der betroffenen Investoren erneut auf Jahre hin verbrannt sein.

Was passiert dann? Nach wie vor wird es gute Ideen in Deutschland geben, und die Gründer innovativer Unternehmen werden dann einfach verstärkt im Ausland nach Venture Capital suchen. Ausländische Fonds werden die Situation als Chance begreifen und sich immer stärker in Deutschland engagieren. Venture Capital wird so nach und nach auch in Deutschland wieder verfügbar sein, vielleicht sogar in ausreichendem Maße. Aber: die ausländischen Fonds werden von Anfang an darauf achten, dass ihre Beteiligungen den Exit außerhalb Deutschlands planen. Das bedeutet nichts anderes, als dass nach erfolgtem Exit die Rechte an innovativen Hightech-Ideen aus Deutschland bei ausländischen Investoren und Unternehmen liegen werden. Überspitzt kann man von einem Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie ins Ausland sprechen.

Natürlich werden nicht alle neuen Ideen ausschließlich über Venture Capital finanziert. Ich vermute, dass der Anteil bei ca. 5% liegt. Aber: die Venture-Capital-Fonds treffen ihre Auswahl nach Markt- und Wachstumspotenzial sowie nach den Unternehmerpersönlichkeiten. Mit anderen Worten: der Ausverkauf deutscher Hightech-Ideen betrifft primär die wachstumsstärksten Technologien und die besten Talente.

Was sagt die Politik dazu? Letzte Woche fand in Berlin erstmals die Exitcon statt, eine Konferenz, die dieses Thema in den Fokus stellte. Hier einige Zitate von Bundeswirtschaftsminister Gabriel, der ein Grußwort sprach und der die Zusammenhänge offenbar versteht:

„In der Wachstumsphase ist Deutschland außerordentlich schwach und verliert dann entweder Unternehmen, die dann von ausländischen Investoren übernommen und ins Ausland verlagert werden…“

„In Amerika werden über Venture Capital immerhin 21% aller Umsatzerlöse des amerikanischen BIP finanziert….“

„Die US-Unternehmen Apple, Amazon, Google, Facebook und Microsoft haben zu fünft einen Börsenwert der höher ist als der Börsenwert aller 30 Dax-Unternehmen zusammen. Und wir reden hier von fünf Konzernen, die noch vor wenigen Jahren als Garagenunternehmen gestartet sind. Der Vergleich zeigt: wenn wir nicht für ein funktionierendes Börsensegment in Deutschland sorgen, in dem wachstumsstarke Unternehmen einen Börsengang wagen, dann berauben wir uns eines Großteils unserer Innovationskraft und der Chance, in Deutschland wettbewerbsfähig zu bleiben.“

„Ich werde im Spätsommer zu einem Round-Table mit Unternehmen und der Deutschen Börse einladen. Dabei soll es um die Frage gehen, wie wir die Rahmenbedingungen für Wagniskapital  in Deutschland verbessern können.“

Bleibt zu hoffen, dass es nicht beim Reden und Diskutieren bleibt. Immerhin hat die Geschäftsführerin des BVK, Ulrike Hinrichs, den  deutschen Venture-Capital-Markt schon vor einem Jahr, am 12. Juni 2013 beim Venture Capital-Stammtisch in München, wie folgt beschrieben:

  • Regionale Konzentration auf VC-Hotspots Berlin und Bayern
  • Abnehmende Zahl aktiver deutscher Venture Capital-Gesellschaften
  • Mehr Aktivitäten ausländischer Venture Capital-Gesellschaften
  • Herausforderndes Fundraising-Umfeld und begrenzt verfügbares Kapital
  • Fokus auf Investments mit geringem Risiko und begrenztem Kapitalbedarf
  • Weniger große Venture Capital-Finanzierungsrunden
  • Zunehmende Bedeutung alternativer Venture Capital-Geber (Business Angels, Family Offices, Inkubatoren, Acceleratoren)

Wie lange wird sich Deutschland dieses strukturelle Problem noch leisten können? Die Zeit spielt gegen uns, und wenn nicht umgehend gehandelt wird, erledigt sich das Thema von selbst. Allerdings zum Schaden von uns allen.

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