Der Kampf um die Daten

Wir befinden uns zweifellos in einer Phase der Digitalisierung unseres Lebens. In den 80ern begann dieser Prozess mit der Überführung von Geschäftsprozessen auf Computer und Netzwerke. Ging damals noch der Bote mit Laufmappen über den Büroflur und brachte die „Arbeit“ zum persönlichen Eingangskorb auf dem Schreibtisch, wurde er durch „Mehrplatzsysteme“ und dann durch E-Mails und komplexe Applikationen ersetzt. Prof. Scheer entwickelte Standardprozesse für produzierende Unternehmen, und alle Welt staunte über die Stringenz und Einfachheit. Schnell machte sich die Industrie dran, ihre eigenen Prozesse (früher nannte man das „Ablauforganisation“) zu entwickeln und das eigene „Kerngeschäft“ zu entdecken. Man wollte ja „lean“ sein, sich auf das „Kerngeschäft“ fokussieren und Randbereiche möglichst an Dienstleister abgeben. SAP war einer der großen Gewinner dieser Phase, indem es Industrieprozesse digitalisierte und das Ganze „ERP-System“ nannte. Dann kam das Privatleben dran: Soziale Netzwerke für Schüler und Studenten oder gleich für jedermann, der Flohmarkt im Web namens eBay, Amazon ersetzte den Otto-Katalog, später kamen Apps für alle Lebenslagen hinzu, aus einem simplen Telefon wurde ein Lebensbegleiter.

Denkt man das zu Ende, stehen wir vor Staubsaugern, die man entweder kostenlos erhalten oder aber kaufen kann. Was soll das, wird man sich zunächst fragen. Aber dahinter verbirgt sich nichts anderes als die Übertragung des Webprinzips (viele kostenlose Inhalte, Premium-Accounts kosten) auf den realen Privatbereich. Der kostenlose Staubsauger sendet permanent Daten an einen Server und berichtet über die Größe des Hauses, über die Zahl der Familienmitglieder, über die Fläche mit und ohne Teppich, über bestimmte Gewohnheiten usw.. Möglicherweise kommuniziert er auch gleich mit dem Kühlschrank und zieht weitere kluge Schlüsse über Ihr Privatleben. Mehrere Flaschen Bier im Kühlschrank und ein dicker Rotweinfleck auf dem Teppich – hier haben wir es wohl mit einem Alkoholiker zu tun, so folgert der Staubsauger und sendet es dienstbeflissen an den Zentralserver. Wer es sich leisten kann kauft daher lieber den Staubsauger und verhindert so die Offenlegung des privaten Lebens. Und wovon lebt der Staubsaugerhersteller? Zum kleineren Teil aus den Verkäufen seiner Staubsauger, zum größeren Teil aus dem Verkauf dieser Daten. Daten werden mehr und mehr zum Zahlungsmittel, so wie es uns das Internet schon heute lehrt.

Wir haben uns an diese Verfahren schon längst gewöhnt, auch wenn uns Horrorstories über abgehörte Handys von Politikern und die Datensammelwut der Geheimdienste gelegentlich aufschrecken. Trotzdem sind wir weiter in unseren sozialen Netzwerken, mailen offen und unverschlüsselt, nutzen amerikanische Software in dem Wissen, dass sie über Hintertüren für den Geheimdienst verfügen. Der Nutzen der Apps und Softwarepakete ist einfach zu verlockend und lebenserleichternd, als dass wir uns entschieden abwenden würden. Außerdem würde ein Abwenden letztlich den Ausschluss aus der Interaktion mit Freunden und Geschäftspartner bedeuten, was auch niemand wirklich will.

Der Kampf um die Daten ist in vollem Gang, und er hat gerade erst begonnen. Wir sollten schon heute lernen, welche Bedeutung unsere Daten haben und vielleicht noch haben werden. Es wird auf eine Balance hinauslaufen, die man für sich persönlich entwickeln muß. So viele Daten wie nötig preisgeben, aber so wenig Daten wie irgend möglich. Da viele Menschen das angesichts der Vielzahl an „Devices“ nicht mehr allein hinbekommen, entsteht der Beruf des „Datenberaters“. Dieser wird eigentlich schon heute gebraucht.

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